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Aus einem Interview mit dem Geschäftsführer Günter Boncelet anläßlich "5 Jahre City-Management Rosenheim"

Herr Boncelet, wie sehen Sie persönlich auf die Anfänge zurück ?
Fünf Jahre City-Management Rosenheim, das ist sicherlich noch kein bedeutender oder historischer Zeitpunkt, aber es gab bestimmt genügend Skeptiker, die ein frühzeitiges Scheitern vorausgesagt hatten. Fünf Jahre bedeutet aber für die Bewegung City-Management tatsächlich einen relativ langen Zeitraum, denn diese Idee und diese Bewegung ist in Deutschland noch sehr jung. Im Grunde haben wir Neuland betreten. Ich erinnere mich, dass mich das Rosenheimer Journal kurz nach meinem Einzug im ersten Büro, das uns freundlicherweise die Firma Karstadt zur Verfügung gestellt hatte, besucht hat. Begonnen habe ich also mit einer kleinen Gruppe derer, die den Verein aus der Taufe gehoben haben, einem durchaus repräsentativen Vorstand und ansonsten mit einem Schreibtisch, einem Telefon und einem Kugelschreiber. Zu dem Zeitpunkt im Mai 1999 hatte ich nicht einmal eine Mitarbeiterin. Hinzu kommt, dass ich in Rosenheim niemanden kannte. Insofern hatte ich außer der Entschlossenheit der Vorstandschaft und der Bereitschaft von Stadt und Wirtschaft, das Projekt zu unterstützen, noch keinen direkten Rückhalt unter den Akteuren in der Stadt. Im Gegenteil: Da gab es diejenigen, die sich persönliche Vorteile erhofften und dann gab es vor allen Dingen diejenigen, die Angst um Privilegien und Einflußsphären hatten. Ich jedenfalls fand die Entscheidung, jemanden von außen zu holen, der nicht in die alten Freund- und Feindschaften involviert war, bis heute richtig. Überhaupt denke ich, dass die Idee der Stadtentwicklung mit dem Schwerpunkt Innenstadt aufgrund ihrer historischen Entwicklung ein ganz spannendes und herausforderndes Thema ist. Die City, die eigentliche Innenstadt, ist so vielfältig und mit so vielen Facetten versehen, dass es einfach notwendig ist, einen hauptamtlichen Kümmerer für dieses Gebiet zu engagieren. Wir wollen ja Bindeglied zwischen allen Akteuren und insbesondere auch zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Politik sein.

Ist von den Ursprungs-Ideen etwas verwirklicht ?
Anfangs haben wir sehr viele Bevölkerungsumfragen durchgeführt und dabei hat sich vor allen Dingen herausgestellt, dass der große Teil der Befragten sich für ein mehrtägiges Stadtfest stark gemacht hat. Auch ein Rosengarten war auf der Skala der Nennungen ganz oben angesiedelt. Beides haben wir inzwischen einigermaßen umgesetzt. In 2003 haben wir mindestens 30 Schwerpunktthemen bearbeitet und ca. 18 Veranstaltungen selbst durchgeführt oder begleitet.

Was steht offen ?
Wir haben nie behauptet, alle Mißstände, Mißverständnisse, Eifersüchteleien und Konkurrenzen jemals -oder jedenfalls nicht in dieser kurzen Zeit- ausräumen oder verändern zu können. Darum geht es auch nicht nur. Es geht auch darum, Neues zu schaffen, neue Wege zu beschreiten und vor allen Dingen: Vielfache Gespräche zu suchen oder möglich zu machen. Ich betone es noch einmal: City-Management ist im Wesentlichen immer auch Kommunikationsmanagement. Dazu haben wir das Rosenheimer Gespräch eingeführt, nehmen an zahlreichen Gremien teil und bringen uns, wo es geht, in die Diskussion ein. Dabei sind wir sicherlich nicht immer bequem gewesen. Aber wer nun erwartet, dass wir wie Robin Hood durch die Stadt brausen und alle möglichen Feindbilder erzeugen und gegen jeden angehen, der auch nur annähernd in der Verwaltung oder zum Beispiel bei der Verkehrsüberwachung beschäftigt ist, der sieht sich getäuscht. Wir wollen einen offenen, aber fairen Dialog führen und Schritt für Schritt die Dinge voranbringen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es überall und stets mit Menschen zu tun haben, die ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Nöte und Sorgen und ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten haben. Da sollte doch eigentlich das besonders christlich geprägte Bayern Verständnis dafür haben, dass man menschlich miteinander umgehen muss, egal ob einem das eine oder andere passt oder nicht.

Ein erstes Fazit ?
Ich denke auf jeden Fall sagen zu können, dass wir in fünf Jahren City-Management einiges in Bewegung gesetzt und Anstöße gegeben zu haben, Image bildend für die Stadt Rosenheim im Sinne des Stadtmarketing gewirkt und etwas Neues initiiert zu haben: Wir konnten verstärkt Identität in der City, mit der Stadt schaffen. Vorher gab es nur vereinzelte kleine Gruppen oder Individuen, jetzt kann man sich auf ein gemeinsames Ganzes berufen. Immerhin sind inzwischen mehr als 200 Firmen, Vereine, Institutionen bis hin zu Fachhochschule, Polizei und Stadt Rosenheim als Mitglied dabei und betrachten Rosenheim als ihre gemeinsame Angelegenheit. Dieses Denken hat sich nachweisbar verstärkt.

Und darum möchte ich an dieser Stelle allen danken, die uns mit ihrer Mitgliedschaft das Arbeiten überhaupt ermöglicht haben und die uns und sich damit treu geblieben sind. Desweiteren aber auch all jenen, mit denen wir in diesen Jahren eng und vertrauensvoll in der Praxis zusammengearbeitet haben. Ich glaube, es gibt kaum eine Vereinigung, die im Schnitt mit mehr als 100 Gruppen und Institutionen stets und ständig zusammenarbeitet. Dabei hat sich auch eine ganze Menge Vertrauen und Kooperation herausgebildet. Unterm Strich geht es nämlich darum, Kräfte zu bündeln, um gemeinsam mehr zu erreichen. Nehmen wir zum Beispiel das Stadtfest: Im Schnitt wirken hier mehr als 60 Vereine und Gruppen mit. Das Gleiche gilt für die Lange Nacht. In der Langen Nacht 2003 waren es 40 Veranstaltungsorte mit mehr als 110 Programmpunkten.

Gibt es auch Unzufriedenheit ?
Natürlich kann man noch nicht zufrieden sein mit dem Erreichten. Der Verkehrsdurchfluss in der Innenstadt ist zwar auch nicht schlechter als in vielen vergleichbaren Städten, aber das darf nicht zur Argumentation und zur Beruhigung dienen. Die Ereignisse in der Münchener Straße am Abend, insbesondere im Sommer, können so auf Dauer einfach für das Image der Stadt nicht hingenommen werden und erst recht nicht für eine 1a-Verkaufslage. Oder nehmen wir den Bereich vom Eingang zur Nikolaistraße bis zum Salzstadel: Vom Stadtentwicklungs-Aspekt ist diese Situation für alle Beteiligten sicherlich vollkommen unbefriedigend. Natürlich muss auch im Hinblick auf übertriebene Berufsauffassungen der Verkehrsüberwachung noch einiges bewirkt werden. Und wer uns -und wer mich- kennt, der weiß, dass ich kein Freund des Schönredens oder des "sich-wahr-Lügens" bin. Ich muss nicht Recht haben, aber ich erlaube mir dennoch, meine Meinung offen und kritisch zu äußern. Man darf aber auch nicht das Umgekehrte tun. Aufgrund eines verstimmten Magens oder einer persönlichen Misere das Große und Ganze stets und ständig schlecht reden, wo es uns doch eigentlich im Wesentlichen immer noch sehr gut geht. Ich kann nicht feststellen, dass sich die Besuchsfrequenzen in der Stadt Rosenheim so dramatisch verschlechtert hätten.

Wohin soll die Entwicklung gehen ?
Interessant zu beobachten ist, dass viele andere Städte im näheren und weiteren Umland zum Teil auch unserem Beispiel folgen und ihrerseits Angebote an die Menschen machen. Ich denke da an Traunstein und Kufstein. Das heißt: Die anderen schlafen nicht und daher dürfen wir uns gerade jetzt nicht auf dem Erreichten ausruhen. Wir müssen auf dem Stand dessen, was wir erreicht haben, besser werden und Neues kreieren. Umso bedauerlicher ist es, dass man uns unter wirklich nicht stichhaltigen Argumenten -wie ich finde- eine Eislaufbahn (wie sie jetzt in Kufstein während der Weihnachtszeit ebenfalls im Park errichtet wurde) weg diskutiert hat. Ich glaube, Rosenheim hat immer noch die Neigung, sich letztendlich doch wieder zu verschließen. Die einmal geöffnete Tür müssen wir nun aber bei allem Gegenwind offen halten. Wir haben immer traditionelle Bewegungen unterstützt und gefördert und gerade ich als "Nichtbayer" sehe eine der wesentlichen Stärken Oberbayerns in der sehr bewußten und sehr umfangreichen Traditions- und Heimatpflege. Auf der anderen Seite ist es aber ein Gesetz der Geschichte, dass bekanntlicherweise wer zu spät kommt, von dieser bestraft wird. Ob es einem gefällt oder nicht,- auch mir gefallen viele Dinge nicht- die wesentlichen Entwicklungen der Moderne kann und darf man nicht aufhalten. Die Jugend wächst mit anderen und neuen Vorstellungen heran und wie immer man dazu steht, sie werden sich und müssen sich durchsetzen. So war es immer und so wird es immer sein. Und es war auch immer so, dass den Altvorderen, das, was da herankommt, nicht gefällt. Oftmals jedenfalls nicht.

Wo sehen Sie sich eingebunden, wer sind Ihre Partner ?
Natürlich handeln wir hier nicht alleine. Zum einen brauchen wir die enge Partnerschaft mit der Politik und Verwaltung, zum anderen mit den anderen Wirtschaftsverbänden. Im Rahmen des "Runden Tisches Rosenheimer Wirtschaftsverbände", der von uns mit initiiert wurde, versuchen wir, unsere Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverband, der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer, dem Einzelhandelsverband, dem Wirtschaftlichen Verband und den Wirtschaftsjunioren zur besseren Koordination und zum Verstehen der Probleme des jeweils anderen und für die Aufteilung von Aufgaben zu nutzen. Insgesamt ist die Zusammenarbeit sehr gut. Und wie schon gesagt: Die vielen Aktionspartner und die starke Mitgliedschaft bilden einen guten Rahmen.

Und das Stadtmarketing ?
Natürlich ist auch der Gedanke eines Stadtmarketing vom Grundsatz her richtig. Wir müssen uns mit allen wesentlichen Kompetenzfeldern dieser Stadt abstimmen, voneinander wissen, einander besser kennenlernen und prüfen, wo wir unsere Kräfte zusammenführen können. Das wird nicht überall der Fall sein. Und es wird auch noch eine Weile dauern, bis das Stadtmarketing seine letztendliche Form gefunden haben wird. Eines dabei muss klar sein: City-Management ist und wird selbstständig bleiben und die Funktion eines Sprachrohres in der eigentlichen Stadtmitte immer wieder für sich beanspruchen und in die Tat umsetzen. Es wird kein "Oberkommando" geben, das dann am Ende und letztendlich wieder viel zu weit weg von den alltäglichen Sorgen und Nöten der Innenstadt-Akteure ist. Wir wollen nah dran sein und bleiben.

Inwieweit sind Sie dem Innenstadthandel verbunden ?
Wenn wir von Stadtentwicklung sprechen, so geht es um Verkehrsfragen und Stadtgestaltung, aber natürlich auch um die Wirtschaft. Es ist falsch, uns immer nur mit dem Innenstadthandel zu identifizieren. Wir arbeiten mit den Theatergruppen genauso eng zusammen wie mit der Gastronomie, wir arbeiten mit Vereinen und Verbänden ebenso zusammen wie eben mit dem Rosenheimer Innenstadthandel. Er ist aber nun einmal die wichtigste Gruppe in der Innenstadt und wer, wenn nicht der Handel, schafft es täglich zehntausende Personen in die Innenstadt zu bringen ? Und wenn der Handel in der Innenstadt wegbricht, wird die Innenstadt sterben. Soviel dürfte jedem klar sein. Nur leider machen wir in diesem Zusammenhang eine dramatische Entwicklung durch.

Was sagen Sie zu der Rabattschlacht der letzten Monate ?
Die Rabattschlacht, die zur Zeit durch unser Land geht, ist im Grunde ein trauriges Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Sie ist letztendlich ein Ausdruck der kolossalen Misere und man könnte natürlich meinen, dass er bewußt von den Großen gegen die Kleinen geführt wird. Aber auch die Großen, die ganz andere Kostenstrukturen haben, führen im Grunde einen Überlebenskampf. Schlimm ist, dass es überhaupt dahin kommen musste. Es ist ein Überlebenskampf, bei dem keiner weiß, wer letztendlich übrig bleibt. Es kann ebenso sein, dass wir große Anbieter verlieren werden, denen dieser Kampf am Ende selbst enormen Schaden zufügen wird.

Ihre Meinung zu den Arcaden ?
5 - 10.000 m² oder 20.000 m² Handelsfläche sollen am Bahnhofsgelände in Rosenheim entstehen, die sogenannten "Rosenheim Arcaden".
4.000 Insolvenzen im Handel in 2003 sprechen eine andere Sprache. Das bedeutet auch den Verlust von Arbeitsplätzen und wirkt sich in manchen, nicht so stark besetzten Städten wie Rosenheim katastrophal aus. In manchen Orten hat es zum Beispiel das einzige große Kaufhaus zerschlagen. Nirgendwo in Europa gibt es ein solches, fast wahnwitziges Überangebot an Verkaufsflächen wie in Deutschland. Trotz wirtschaftlichem Niedergang werden unentwegt große Kapitalmassen von Investmentfirmen und Fond-Gesellschaften in immer größere Areale gepumpt. Alleine die vielbesungenen Shopping-Center, von denen Rosenheim nun also auch eines erhalten soll, weisen mittlerweile über 10 Millionen m² Verkaufsfläche aus. Tendenz steigend. Wir alle werden eines Tages die Ruinen der Postmoderne besichtigen dürfen und werden uns nach dem kleinzügigen, inhabergeführten Einzelhandel zurücksehnen. Und das hat nichts damit zu tun, dass es eine Zeit gab, da die Ansiedlung von größeren Kaufhäusern durchaus eine bereichernde Abwechslung war und neue Kundenströme zum Beispiel auch nach Rosenheim geführt hat. Derzeit haben wir eine Zentralität von 2,3 und das heißt, dass mehr als das Doppelte unserer Besucher nicht aus Rosenheim kommt. Woher nun neue Massen strömen sollten, wenn die Arcaden errichtet sind, bleibt rätselhaft. Außerdem: Wir haben uns die Listen der Mieter von der Entwicklungsgesellschaft mfi in anderen Städten angeschaut und stellen fest, dass es nach wie vor kaum einheimische Läden sind, die man dort findet (Mietpreis-Poker zu Beginn), sondern haufenweise all diejenigen mittleren Ketten, die wir längst in Rosenheim haben. Hier will man wirklich Eulen nach Athen tragen. Und auch folgender Effekt wird nicht eintreten: Es gibt Leute, die behaupten, wenn die mittleren Ketten von der Münchener Straße dann in die Arcaden ziehen, würden die Mietpreise in der 1a-Lage so rapide fallen, dass es eine Revitalisierung der Innenstadt gibt. Die Tatsachen sind ganz anders: Es gibt derzeit 30 Leerstände in Rosenheim mit fast 10.000 m². Dem gegenüber gibt es keine Interessenten. Wenn, dann würden also allenfalls mittlere Unternehmen aus ihren 1b- und 2er-Lagen umziehen. Ergebnis: Die 1b- und 2er-Lagen werden endgültig sterben. Was aber erschwerend hinzukommt: Manche, die am lautesten unserer Verwaltung eine katastrophale Verkehrspolitik ankreiden, trauen ihr gleichzeitig zu, ein Mehraufkommen von durchschnittlich 10.000 bis 20.000 Fahrzeugen pro Tag am Brückenberg planen zu können. Das ist paradox.

Unterm Strich sind wir wohl alle der Meinung, dass das große Areal des Bahnhofsgeländes entwickelt werden kann und muss. Aber nicht auf Kosten der Innenstadt und mit einem tödlichen Zerstörungs- und Verdrängungswettbewerb. Wir sehen auch vom Bedarf her keine Notwendigkeit, da alle wesentlichen Anbieter in der Innenstadt oder im Aicherpark oder in den integrierten Lagen ohnehin vorhanden sind. Das, was noch fehlt, kann sich durchaus in den inzwischen leerstehenden Geschäften der Innenstadt ansiedeln. Und es wäre ein Armutszeugnis, wenn eine Stadt wie Rosenheim am Ende nicht in der Lage wäre, sich selbst einen funktionsfähigen Busbahnhof zu errichten. Gott sei Dank stehen wir mit dieser Meinung bei weitem nicht alleine da, sondern zusammen mit dem Gewerbeverband, dem Einzelhandelsverband und der überwiegenden Zahl von Politikern, großen Teilen der Verwaltung und schließlich auch mit unserer Oberbürgermeisterin, Frau Bauer. Wir hoffen, dass man hier keine übereilten Beschlüsse fassen wird, denn wir haben es in keinster Weise eilig und sollten auch Alternativideen und Entwürfe diskutieren. Das, was hier entschieden wird, ragt weit in die Zukunft.